Warum Business und IT nur in Zusammenarbeit innovative Produkte entwickeln können

Als ich Wirtschaftsinformatik studiert habe, war die IT-Abteilung häufig ein reines Cost-Center. Während in den Fachabteilungen, also im Business neue Ideen oder Geschäftspotenziale entwickelt wurden, war die IT-Abteilung nur der Umsetzer. Zum Glück ist mein Studium bereits ein paar Jahre her. Die aktuellen Herausforderungen, insbesondere wenn es um das Thema Anpassungsgeschwindigkeit und Innovationen geht, sind nur gemeinsam zu beherrschen. In diesem Artikel erkläre ich, warum Business und IT stärker zusammen wachsen müssen.

Wie ist das bisherige Verständnis der IT-Abteilung? 

Die IT-Abteilung war vor allem ein Umsetzer. Man hat sie irgendwie benötigt, sie haben viel Geld gekostet, aber den wirklichen Wert konnte man nicht berechnen. Ein anderer Mythos ist, dass die IT-Abteilung der Bremser ist. Während die Fachabteilungen sich Innovationen oder neue Produkte überlegen, kommen sie gefühlt am “Gatekeeper” IT nicht vorbei. 

Woher kommt dieses Verständnis und Stereotype? 

Ich glaube, ein Grund ist, dass die IT-Abteilung eine lange Zeit wirklich nur für die Umsetzung zuständig war. Fachabteilungen bzw. das Business haben sich Projekte überlegt, hatten das entsprechende Budget und mussten für die Umsetzung die interne IT beauftragen. Die interne IT ist stark ausgelastet und so konnten die Projekte nicht so schnell wie gewünscht umgesetzt werden.

Noch dazu haben die IT-Abteilungen oft auch strikte Compliancerichtlinien, an die sich halten müssen. Ein Ziel der IT-Leitung ist es, die IT-Systeme abzusichern. Damit meine ich die IT-Security Maßnahmen und die Einhaltung des Datenschutzes. Im Falle eines Falles trägt häufig die IT-Abteilung die Verantwortung für eine etwaige Datenpanne und Hackerangriff. 

Daher ist es überhaupt keine Überraschung, auf diverse Restriktionen zu treffen. Dabei geht IT-Security und Datenschutz alle etwas an und sollte nicht auf eine Abteilung begrenzt sein. 

Soll die IT-Abteilung zukünftig digitale Produkte entwickeln?

Warum eigentlich nicht? Zugegeben für die erfolgreiche Entwicklung eines digitalen Produktes benötigt es mehr als nur IT-Verständnis. Die Marktbedürfnisse, aktuelle Trends und ein tiefes Verständnis vom Kundenproblem sind ausschlaggebend. Diese Kenntnisse hat in den meisten Fällen die IT-Abteilung nicht, weil sie nie damit in Berührung gekommen ist. Allerdings hat die IT-Abteilung eine sehr wichtige Kompetenz, welche in Zukunft noch viel wichtiger sind. Sie hat Experten für die technischen Umsetzungsmöglichkeiten.

Somit kann eine Idee für ein neues Produkt durchaus aus der IT-Abteilung kommen. Mit der Sicht auf das, was technisch heute möglich ist und bisher nicht zur Verfügung stand. Die IT-Abteilung ist als Unterstützer und Befähiger (ich finde das englische Wort Enabler deutlich passender) zu verstehen. Sie müssen das gesamte Unternehmen dazu befähigen interne Digitalisierungsinitiativen zu ermöglichen oder zu beschleunigen. Das Gleiche gilt natürlich auch für neue digitale Geschäftsmodelle oder digitale Produkte. 

Wie sieht das perfekte Produktteam aus? 

Unabhängig davon, ob es sich um ein internes oder externes digitales Produkt handelt. Beispiele für ein internes Produkt ist beispielsweise ein Shopfloor Dashboard oder ein Dashboard für den Kundensupport. Die Antwort, wie das perfekte Produktteam aussieht, ist die Gleiche.

Business und IT als ideale Zusammensetzung für Produktteams
Ideale Zusammensetzung für Produktteams

Es muss eine Mischung aus IT und Business sein. Das Domänenwissen für das entsprechende Produkt muss begleitet sein von Digitalisierungskompetenz. Mit Digitalisierungskompetenz meine ich nicht, dass ich weiß, wie man eine Software anwendet. Viel mehr geht es darum zu verstehen, welche Digitalisierungsmöglichkeiten es ganz konkret gibt. Die beste Konstellation wäre ein Citizen Developer oder Teammitglieder mit Wissen im Bereich Softwareentwicklung. 

Sind das nicht zu viele Teammitglieder? 

Ich bin ein Fan von möglichst kleinen Teams. Eine gute Orientierung ist Jeff Bezos sogenannte Zwei-Pizza-Regel. Nach amerikanischen Maßstäben sind das ca. 5-8 Teammitglieder. Zwar ist dieses Zitat im Kontext von Meetings gefallen, kann jedoch auch auf operative Teammitglieder angewandt werden.

Zwei-Pizza-Regel nach Jess Bezos

Im Produktteam ist es ausreichend, einen Kompetenzträger zu haben und nicht alles doppelt zu besetzen. Auch Führungskräfte müssen nicht beim Produktteam oder Meeting teilnehmen 😉

Bei so wenigen Teammitgliedern muss aber darauf geachtet werden, dass die Teilnehmer erstens über die notwendige Kompetenz und Entscheidungsmöglichkeit verfügen. 

Weg mit dem Abteilungsdenken hin zu Produktdenken 

Ein Phänomen, welches mir bereits öfters über den Weg gelaufen ist die starke Zugehörigkeit zur Abteilung, zu der man zugeordnet ist. Meiner Meinung nach müssen wir uns stärker mit dem Produkt oder Projekt identifizieren, an das wir tagtäglich arbeiten. Zugegeben, das ist sehr schwer, wenn ich an unzähligen Produkten gleichzeitig arbeite, was im Übrigen auch nicht der richtige Weg ist. 

Ich beobachte ein “Wir gegen die” anstatt ein “Wir zusammen für das Produkt”. Das viel zitierte Silodenken wird damit noch mehr verstärkt. 

Was spricht dagegen temporäre Produktteams zu haben? 

Noch mehr verstärkt wird dieser Umstand, wenn Teammitglieder eigentlich zu 100 % in den Produktteams arbeiten und trotzdem die Abteilungsziele erfüllen müssen. Insbesondere, wenn diese komplett konträr sind zu den Produktzielen. 

Ein Produktteam schafft Identität gerade bei der Entwicklung von neuen digitalen Produkten oder Geschäftsmodelle. Im Gegensatz zu Projekte hat die Entwicklung von digitalen Produkten kein festes Ende. Es ist ein kontinuierlicher Prozess. 

Warum müssen IT und Business zukünftig stärker zusammenarbeiten? 

Ein Weg, welcher für innovative Produkte nicht funktioniert, ist das klassische V-Modell mit dem bekannten Lastenheft. Dieser Weg funktioniert, wenn ganz genau klar ist, wie die Anforderungen aussehen und wie das Endprodukt aussieht. Das ist aber bei innovativen Produkten, bei denen zunächst Kundenfeedback und Marktakzeptanz benötigt ist, nicht gegeben.

Alle müssen zusammen arbeiten, um möglichst schnell und effizient Produkte entwickeln zu können. Wir haben keine Zeit für unnötige Abstimmungen und Politikkämpfe. Das Wissen über die fachlichen Anforderungen und das Wissen über eine möglichst schnelle Umsetzung muss gemeinsam an einen Tisch. 

Die Kompetenzen in den IT-Abteilungen müssen viel stärker genutzt werden. Sie können aufzeigen, welche technische Möglichkeiten es gibt und wie noch effizienter entwickelt werden kann. 

Es geht nicht mehr darum, nur Anforderungen umzusetzen. Es geht darum, gemeinsam an Produkten oder Projekten zu arbeiten. Schon bei der Produktidee bzw. ersten Hypothesen muss die Digitalisierungsexpertise vertreten sein. Sie können von Anfang neue Möglichkeiten aufzeigen oder auf Hindernisse hinweisen.