Disruptive Geschäftsmodelle: Nur ein Teil der Digitalisierung

Selten waren wir uns als Gesellschaft so einig wie beim Thema Digitalisierung. So gut wie jeden Tag ist zu lesen, dass sich Unternehmen, Behörden und auch Schulen digitalisieren müssen. Je mehr Druck jedoch aufgebaut wird, desto mehr verschließen sich manche Unternehmen. Durch meine Gespräche mit vielen Unternehmern habe ich das Gefühl, dass Digitalisierung gleichgesetzt ist mit disruptiven Geschäftsmodellen, welche alles auf den Kopf stellen. Dadurch wird der Druck, sich zu digitalisieren, zu groß. Die Konsequenz daraus ist, dass man einfach gar nichts mehr macht. In diesem Artikel möchte ich zeigen, warum Digitalisierung für Unternehmen vorteilhaft ist, auch ohne disruptive Geschäftsmodelle.

Was bedeutet Digitalisierung und disruptive Geschäftsmodelle?

Digitalisierung ist das aktuelle Buzzword. Alle reden davon und jeder meint was anderes. In einem Artikel auf LinkedIn habe ich den Unterschied zwischen Digitalisierung und digitaler Transformation erläutert. In einer Studie der bitkom habe ich einen interessanten Ansatz zur Erläuterung gefunden. Es wird dabei wie folgt unterschieden:

  • Digitalisierung von Geschäftsprozessen => Das Ziel ist es, Kosten zu senken, Effizienz zu erhöhen und Produktivität zu steigern.
  • Digitalisierung von Geschäftsmodellen => Das Ziel ist es, neue Produkte oder Dienstleistungen zu entwickeln. Umsatz zu steuern und Marktanteile zu gewinnen.

Die Digitalisierung von Geschäftsprozessen entspricht oft inkrementellen Innovationen. Ich verbessere einen bestehenden Prozess oder ein existierendes Produkt. Während bei der Digitalisierung von Geschäftsmodellen von disruptiven Innovationen geredet wird. Dabei geht es um die Entwicklung komplett neuer Produkte oder Geschäftsmodelle. Der deutschen Wirtschaft wurde lange vorgeworfen, dass sie die Digitalisierung von Geschäftsmodellen vernachlässigt. Ich bin der Meinung, dass langfristig beide Punkte gleichermaßen betrachtet werden müssen.

Muss ich meinen Fokus komplett auf disruptive Geschäftsmodelle legen?

Die Welt hat gerade im Jahr 2020 noch mal gezeigt, wie schnell sie sich verändern kann. Der E-Commerce Bereich hat noch mal einen zusätzlichen Antrieb bekommen. Andere Online-Dienste entstanden gefühlt über Nacht. Die ganze Arbeitswelt hat sich komplett auf den Kopf gedreht. Das alles zeigt die Dringlichkeit, wie sich jedes Unternehmen über das zukünftige Geschäftsmodell Gedanken machen muss. Allerdings bedeutet das nicht, dass ich meinen Fokus nur noch auf die Digitalisierung von Geschäftsmodellen legen muss. Um überhaupt die Kraft und Anpassungsfähigkeit zu haben, um schnell auf Veränderungen reagieren zu können, müssen die Grundlagen sitzen. Die Grundlagen sind in der Regel digitalisierte und einfache Geschäftsprozesse.

Warum muss ich mein Unternehmen überhaupt digitalisieren?

Obwohl diese Frage bei einigen Leuten Stirnrunzeln und Kopfschütteln verursacht, finde ich die Frage absolut berechtigt. Digitalisierung ist kein Selbstzweck! Wer sich digitalisieren möchte, um sich zu digitalisieren, wird in der Regel scheitern. Die Digitalisierung hilft dabei, konkrete Probleme zu lösen oder konkrete Schwachstellen zu verbessern. Digitalisierung ist kein Abfallprodukt. Es hilft, die Geschäftsprozesse und das gesamte Unternehmen zu verbessern und zukunftsfähiger zu machen.

Ein kleiner Schritt ist besser gar keiner

Während die Last der disruptiven Geschäftsmodelle oft zu einer Schockstarre führt, kann bereits mit kleinen Schritten Verbesserungen durchgeführt werden. Dabei geht es nicht darum, etwas bisher Papierbasiertes zu digitalisieren, sondern auch bestehende digitale Prozesse zu überdenken und die Möglichkeit neuer Technologien zu nutzen.

Anbei ein paar Beispiele von Projekten, welche man sofort umsetzen kann.

  • Digitale Lernplattform für interne Mitarbeiterentwicklung
  • Mobile CRM Applikation (falls CRM überhaupt vorhanden ist)
  • Online Konfigurationsmöglichkeiten für den Endkunden, beispielsweise bei Möbeln
  • Online Konfigurationsmöglichkeiten für den Außendienst
  • Digitalisierte Shopfloor Systeme
  • Digitalisierte Antragsstellungen mit Workflowintegration
  • Schulungsplattform inklusive Quizbereich für Produktionsmitarbeiter
  • Online Buchungssystem für Kurse, Räume, etc.
  • App für die Erkennung und Bestellung von Ersatzteilen für den Installateur
  • Virtuelle Showrooms für neue Sanitärprodukte
  • Unfassbar viele andere Beispiele

Die Liste kann noch mit vielen weiteren Beispielen ergänzt werden. Vielleicht wirst du jetzt denken, das gibt es doch alles schon! Stimmt, wenn man an Konzerne, IT-Unternehmen, Start-ups oder große Mittelständler denkt. Vielen Unternehmen fehlt es aber genau an solchen einfachen Applikationen. Selbst, wenn es dafür schon Applikationen gibt. Sind diese wirklich noch modern und einsatzfähig? Sind die Applikation etwa von überall aus erreichbar oder muss ich dafür etwa eine VPN-Verbindung aufbauen? Gibt es eine Integration zwischen den Systemen?

Es geht nicht um den Selbstzweck der Digitalisierung – es geht um viel mehr

Nach diesen ganzen Beispielen hoffe ich, dass der Kopf anfängt zu arbeiten. Das ist nämlich genau das, was wir mit unserer wertvollen Zeit anfangen sollten. Über komplexe Probleme nachdenken und Lösungen finden. Wir sollten allerdings keine Zeit mehr verschwenden, um uns Hilfsmittel zu suchen, nur weil wir keine passende Technologie haben. Digitalisierung kann helfen, die monotone Arbeit, welche oftmals nicht wert stiftend ist, zu reduzieren. Das schafft Freiraum und Zeit für die Dinge, welche ein Unternehmen langfristig voranbringen. Genau dann haben wir auch die Kraft, die Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit für disruptive Geschäftsmodelle.

Ist das nicht alles furchtbar teuer?

Individuelle Softwareentwicklung ist teuer. SW-Entwickler sind aktuell sehr gefragt am Markt und können hohe Tagessätze verlangen. Genau aus diesem Grund muss man sich genau überlegen, was man selbst entwickeln möchte. Man muss nicht alles neu erfinden. Für viele Probleme gibt es bereits Lösungen, welche man sofort nutzen kann oder minimal adaptiert werden müssen. Es ist verrückt zu glauben, dass Grundfunktionalitäten wie beispielsweise ein Usermanagement selbst entwickelt werden muss. Auch beim Design muss man sich wirklich genau überlegen, wie viel Budget man dafür bezahlen möchte. Gerade für interne Applikationen gibt es viele Design-Standards, welche sehr gut aussehen, intuitiv sind und nur einen Bruchteil kosten.

Mit anderen Worten. Nein, es muss nicht alles furchtbar teuer sein. Mit bestehenden Technologien und dem Fokus auf das Wesentliche kann die Entwicklung von Individuallösungen deutlich günstiger sein. Das gilt sowohl für einen ersten MVP, als auch für interne Applikationen zur Verbesserung der bestehenden Prozesse.