Digitale Produktentwicklung ist kein Standardprojekt

Ich war über zehn Jahre in verschiedenen Unternehmen und Branchen unterwegs. Allerdings habe ich in diesen zehn Jahren noch nie ein erfolgreiches Projekt gesehen (Erfolg am Standard gemessen). Erst, als wir aufhörten digitale Produktentwicklung als Projekt zu sehen, wurden wir erfolgreich. Heute erzähle ich warum. 

Achtung, falls Sie Projektmanager sind kann diese Artikel schmerzhaft für Sie sein. Nehmen Sie es nicht persönlich.

Was waren die Erfolgskriterien für Projekte in den letzten Jahrzehnten?

Jeder der in irgendeiner Form etwas mit BWL oder Management studiert hat, kam um mindestens eine Vorlesung über das Thema “Projekt Management” nicht herum. Die Erfolgskriterien nach dem ein Projekt gemessen wurde, sind dabei unumstritten: 

  • Zeit
  • Kosten
  • Qualität

Und so ging es jahrzehntelang, dass der Projekterfolg danach bemessen wurde, was zu Beginn eines Projektes an Zeit, Kosten und Qualitätsversprechen geplant war. Nach diesem Schema war das Projekt ein Erfolg, solange diese Erfolgskriterien eingehalten wurde. Unabhängig davon waren die Endresultate des Projektes für das Entwicklerteam, den Kunden oder dem Enduser.

Klassisches Projektmanagementdreick der Erfolgskriterien von Projekten
Klassisches Projektmanagementdreick der Erfolgskriterien von Projekten

Jetzt im Jahr 2020 / 2021 haben wir glücklicherweise begriffen, dass andere Messgrößen viel wichtiger sind. Nämlich die Zufriedenheit der Mitarbeiter, des Kunden und der Endnutzer. Wir haben jetzt begriffen, dass ein tatsächlicher generierter Mehrwert der wahre Erfolg ist und nicht irgendwelche KPIs in einem Ampelsystem. 

Was sind die Erfolgskriterien für die digitale Produktentwicklung? 

Wie bereits erwähnt geht es bei der Entwicklung von digitalen Produkten immer um die Zufriedenheit der Kunden, Endnutzer und Mitarbeiter. Daher ist unabdingbar sich komplett auf den Kundennutzen zu fokussieren. Das bedeutet jedoch auch die Prämissen von Zeit und Geld als weniger wichtiger zu betrachten. Die meisten Produkte sind am Ende jedoch auch wirtschaftlicher, wenn sie den Kundennutzen treffen und einen wirklichen Mehrwert generieren. 

Was wir brauchen sind andere Erfolgskriterien für IT-Produktentwicklung. Erfolgskriterien, welche sich auf Outcome statt auf Output konzentrieren.

Ein Beispiel für solche Erfolgskriterien können sein: 

  • Interaktion des Kunden 
  • Involvement von richtigen Endnutzern 
  • Releasegschwindigkeit
  • Generierte Learnings
  • Anzahl an durchgeführten Tests 
  • Mitarbeiterzufriedenheit

Warum digitale Produktentwicklung kein Projekt ist

Nach dem PMI ist ein Projekt folgendermaßen definiert:

“A project is temporary in that it has a defined beginning and end in time, and therefore defined scope and resources.
And a project is unique in that it is not a routine operation, but a specific set of operations designed to accomplish a singular goal. So a project team often includes people who don’t usually work together – sometimes from different organizations and across multiple geographies.”
https://www.pmi.org/about/learn-about-pmi/what-is-project-management

Die Kurzfassung davon ist, dass ein Projekt definiert ist nach einem zeitlich begrenzten Laufzeit mit definierten Anfang und Ende. Zusätzlich besteht ein Projekt nicht aus Routineaufgaben und die Projektmitglieder arbeiten normalerweise nicht zusammen. 

Zugegeben diese Definition trifft mit Sicherheit auf viele Projekte in der IT zu. Allerdings passt diese Definition nicht auf die Entwicklung von digitalen Produkten. Das Problem ist dabei ist, dass es dazu verleitet die folgenden Fehler bei der digitalen Produktentwicklung zu begehen:

  1. Die Organisation arbeitet auf einen großen “Big Bang” Produktlaunch hin, ohne kleinere Inkremente vorher zu releasen.
  2. Das Management geht davon aus, dass keine Softwareentwickler mehr benötigt werden, sobald das Produkt auf den Markt gebracht ist. Das Produkt ist ja “fertig” und damit das Projekt beendet. 

Im agilen Projektmanagement gibt es kein “Big Bang”. Im agilen Kontext geht es um Iterationen und Inkremente. Es geht darum, die Komplexität zu reduzieren in dem ich nicht das komplette Produkt inklusive aller Funktionalitäten auf einmal auf den Markt bringe.

Solch ein Verhalten führt zur Verwunderung, warum der Kunde diese Funktionalitäten eigentlich gar nicht nutzt. 

Mit dieser Denkweise wird auch verständlich, warum die Projektdefinition gefährlich ist für die IT-Produktentwicklung und die benötige Methodik. In der Realität sehen Projektteam für die IT-Produktentwicklung nämlich eher wie folgt aus: 

  1. Die Projektteams rund um die Entwicklung von digitalen Produkten (i. d. R. Softwareentwickler) sind ein eingespieltes Team und arbeiten oft jahrelang zusammen. 
  2. Das ständige Release von neuen Inkrementen ist eine Routinetätigkeit und hoffentlich kein einmaliges Ereignis. 
  3. Die Entwicklung von digitalen Produkten hat kein fest definiertes Ende. Es ist eine kontinuierliche Arbeit am Produkt, um es jeden Tag besser zu machen. Ein digitales Produkt fängt erst dann zu leben an, wenn es am Markt ist und von Kunden benutzt werden kann. 

Was lernen wir daraus?

Bevor eine Organisation sich dazu entschließt mit der Entwicklung von digitalen Produkten zu beginnen brauchen wir ein neues Mindset. Wir können nicht die gleichen Erfolgskriterien von einer normalen Produktentwicklung oder anderen Projekten auf diese Welt abbilden. Es muss viel mehr um den tatsächlich Nutzen gehen, also um den Outcome und weniger um den Output. Ein Produkt und damit auch das Projekt ist nicht erfolgreich nur, weil es die Kriterien nach Qualität, Zeit und Kosten erfüllt hat. Wenn kein Kunde es am Ende das Produkt kauft oder noch schlimmer die Situation sogar verschlechtert, kann man nicht von Erfolg reden.

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